Patientinnen und Patienten sind nicht standardisiert. Unsere Arzneimittel weitgehend schon. Wie können wir diese Lücke schließen und welche Rolle können 3D- und 2D-Druck dabei spielen? Beim ersten 3PRIMED Symposium am 1. Oktober 2026 in Berlin wurde schnell deutlich: Die Technologie ist längst nicht mehr die einzige Frage. Entscheidend ist, wie daraus sichere, sinnvolle und finanzierbare Versorgung wird.
Ein Tag, viele Perspektiven und überraschend viel Diskussion. Ein Rückblick in Bildern
Als wir 3PRIMED ins Leben gerufen haben, wollten wir bewusst keinen Kongress organisieren, bei dem eine neue Technologie vor allem sich selbst präsentiert. Uns interessierte eine andere Frage:
Was braucht es, damit aus den technologischen Möglichkeiten des pharmazeutischen 3D- und 2D-Drucks reale Versorgung wird?
Dafür kamen in Berlin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Krankenhausapotheker, öffentliche Apotheker, Ärzte, Unternehmer, Vertreter der Industrie und Kostenträger sowie weitere Akteure des Gesundheitswesens zusammen. Und bereits im Laufe des Vormittags wurde deutlich, dass die Antwort nicht bei einem Drucker beginnt. Sie endet auch nicht dort.
Ein Tag, viele Perspektiven
Dr. Julian Quodbach setzte gleich zu Beginn den Rahmen: „Patientinnen sind nicht standardisiert. Unsere Arzneimittel schon.“ Seine Antwort darauf ist nicht maximale Individualisierung, sondern „selektive Flexibilität“ dort, wo sie für Patienten einen relevanten Unterschied macht.
Rik Jacobs nahm uns mit in die Dentalbranche und zeigte, was die Pharmazie von deren Transformation von analogen zu digitalen Prozessen lernen kann. Entscheidend für den Durchbruch einer Technologie ist nicht nur, was technisch möglich ist, sondern wann Technologie, Workflow, Qualität und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen.
Philippe Tschopp rückte in seiner Keynote die Formulierung in den Mittelpunkt: „Der Drucker löst nicht das Formulierungsproblem.“ Hilfsstoffe, Freisetzung, Geschmack, Stabilität und Handhabung entscheiden mit darüber, ob aus einem gedruckten Objekt tatsächlich ein geeignetes Arzneimittel wird.
Dr. Simone Eder zeigte, wie Inline-Prozesskontrollen mittels Technologien wie NIR- und Raman-Spektroskopie Qualität bereits während der individualisierten Herstellung überprüfbar machen können. Damit verbinden sich Qualität, Geschwindigkeit und Automatisierung auf eine neue Weise.
Dr. Torsten Hoppe-Tichy brachte die klinische Realität auf den Punkt: Eine exakt berechnete und hergestellte Dosis hilft wenig, wenn am Ende unklar bleibt, wie viel davon tatsächlich beim Patienten ankommt. Gerade Pädiatrie und Patienten mit besonderen Anforderungen an die Arzneiform zeigen, wo personalisierte Herstellung einen konkreten Bedarf adressieren kann.
Dr. Adrin Dadkhah verband personalisierte Herstellung mit Arzneimitteltherapiesicherheit und Closed Loop Medication Management. Seine Perspektive reichte bis zu einer Zukunft, in der Patientendaten, individuelle Dosisfindung und Herstellung unmittelbar miteinander verbunden werden.
Prof. Dr. Alexandra Russo zeigte anhand der pädiatrischen Onkologie, wie groß die Lücke zwischen hochpräziser Diagnostik und der tatsächlichen Arzneimittelanwendung noch sein kann. Ihre Schlussfolgerung brachte es auf den Punkt: „Präzisionsmedizin endet nicht bei der Therapieentscheidung. Sie muss die Patienten auch bei der Gabe erreichen.“
Wenn aus Möglichkeiten Versorgungsfragen werden
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Dr. Silvia Bellmann und Dr. Kerstin Boldt wurde es lebhaft. Genau das war im Sinne von 3PRIMED.
Die zentrale Frage lautete: Was müssen wir tun, damit 3D-gedruckte Arzneimittel gesetzeskonform und kosteneffizient in die Versorgung gebracht werden können?
Gerade aus der ärztlichen Praxis sowie von Krankenhausapothekern und öffentlichen Apothekern im Publikum kamen klare Impulse. Wenn personalisierte Arzneimittel für bestimmte Patientengruppen einen relevanten Nutzen bieten, sollten regulatorische und finanzielle Rahmenbedingungen solche Anwendungen ermöglichen und nicht unnötig behindern.
Gleichzeitig wurden berechtigte Einwände diskutiert. Bestehende Systeme sind auf standardisierte Arzneimittel ausgerichtet. Der konkrete Nutzen für Patienten ist noch nicht für alle Anwendungen ausreichend belegt. Auch lässt sich heute nicht selbstverständlich nachweisen, dass personalisierte Herstellung zu einer geringeren Inanspruchnahme anderer Gesundheitsleistungen oder insgesamt niedrigeren Kosten führt.
Doch gerade darin lag eine wichtige Erkenntnis der Diskussion: Diese Einwände zeigen, welche Fragen zukünftige klinische und wirtschaftliche Business Cases beantworten müssen.
Für welche Patienten entsteht ein messbarer Mehrwert? Welche heutigen Probleme, Risiken und Aufwände können reduziert werden? Welche zusätzlichen Kosten entstehen? Wer investiert und wer profitiert? Und welche Evidenz benötigen Kostenträger und regulatorische Institutionen, um neue Versorgungsmodelle zu unterstützen?
Damit wurde aus einer teilweise kontroversen Diskussion eine konkrete Arbeitsagenda. Sie setzt allerdings voraus, dass Ärzte, Krankenhausapotheken, öffentliche Apotheken, Wissenschaft, Unternehmer, Industrie, Kostenträger und Behörden bereit sind, diese Fragen gemeinsam zu bearbeiten.
Von der Forschung in die Anwendung
Dr. Karin Hellauer zeigte anschließend anhand des 3D3m 2 Clinic Projekts, dass der Schritt von der Manipulation bestehender Arzneimittel zu reproduzierbaren, altersgerechten und patientenspezifischen 3D-gedruckten Arzneiformen bereits konkret untersucht wird.
Naomi L. Nathan weitete mit dem White Paper „Additive Manufacturing in the Pharmaceutical Industry: The Road Ahead“ den Blick auf die weitere Entwicklung. Ihre zentrale Botschaft passte zum gesamten Tag: Additive Manufacturing wird die konventionelle Herstellung nicht ersetzen, kann sie aber dort sinnvoll ergänzen, wo kleine Chargen, komplexe Arzneiformen oder individuelle Anforderungen gefragt sind.
Würden wir morgen anfangen?
In der abschließenden Podiumsdiskussion kamen viele dieser Perspektiven wieder zusammen.
Die bewusst praktische Frage lautete: „Würden Sie morgen mit 3D-Druck starten?“
Die Antwort war bemerkenswert positiv: Ja, wenn Sicherheit gewährleistet ist und ein relevanter Mehrwert für den Patienten gezeigt werden kann.
Gleichzeitig zeigte die Diskussion, was dafür noch fehlt: validierte Prozesse, Best Practices, funktionierende Lieferketten, klare Rollen, Evidenz, Finanzierung und nicht zuletzt ein Netzwerk, in dem Erfahrungen geteilt werden. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses ersten Symposiums. Die Frage lautet nicht mehr nur:
Kann man Arzneimittel 3D-drucken?
Sondern:
Für welche Patienten sollten wir es tun und wie organisieren wir gemeinsam eine sichere, skalierbare und finanzierbare Versorgung?
Darauf gibt es noch keine vollständige Antwort. Nach einem Tag intensiver Vorträge, Diskussionen und Gespräche ist aber klarer geworden, wo wir suchen müssen: beim klinischen Bedarf, bei geeigneten Formulierungen und Materialien, bei integrierter Qualitätskontrolle, bei regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und vor allem in der Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten.
Genau dafür wurde 3PRIMED gegründet.
3PRIMED geht weiter
Das erste Symposium war der Anfang.
In den kommenden Tagen werden wir einige der Beiträge und Gedanken des ersten 3PRIMED Symposiums noch einmal aufgreifen und vertiefen.
Und natürlich wollen wir wissen, wie es weitergeht. Welche Use Cases schaffen den Sprung in die Routine? Wie weisen wir den Patientennutzen nach? Wie gestalten wir Erstattung und Regulierung? Welche Rollen übernehmen Krankenhausapotheken und öffentliche Apotheken? Und wie bringen wir Ärzte, Apotheker, Patienten, Wissenschaft, Unternehmer, Industrie, Kostenträger und Behörden zusammen?
Am 7. Oktober 2027 findet das zweite 3PRIMED Symposium statt.
Bis dahin wollen wir nicht einfach dieselben Fragen noch einmal stellen. Wir wollen sehen, was sich innerhalb eines Jahres verändert hat.
